Auf der Reeperbahn nachts um halb eins … in Corona-Zeiten

Auf der Reeperbahn nachts um halb eins … in Corona-Zeiten

 Ich zog vergangenen Samstag mit meiner Frau Tanja über den Kiez – zu einer Zeit, in der St. Pauli normalerweise aus allen Nähten platzt, einige Kiezaner aus dem Stadtteil fliehen und andere ihre Oasen aufsuchen. Ich habe noch nie eine Kieztour mitgemacht, diese hier wurde meine eigene:

 Unseren ersten Spot finden wir da, wo es in krisenfreien Tagen die Testosteron-gesteuerten Männer hinzieht: in der Herbertstraße. Als wir auf dem Weg dorthin den legendären Gun Club passieren, fällt mir ein, dass ich dort längst mal wieder reinschneien wollte. Hoffentlich bekomme ich noch mal die Gelegenheit dazu; also haltet bitte durch! Die Herbertstraße liegt ganz schön düster vor uns, auch wenn in 2-3 Fenstern noch rotes Licht brennt und die Stühle der Ladies stehen da, als wenn diese jeden Augenblick wieder kommen würden. Spontan erinnere mich daran, wie mich die Neugier mit 16 Jahren das erste mal hierher zog. Wie so viele. Mal früher, mal später. Mann, war ich nervös. Während ich fotografiere, latschen drei mittelschwer angetrunkene Youngsters einmal durch die Gasse, als hätten sie nicht mitbekommen, dass hier gerade gar nichts passiert. Vielleicht sind es einfach alte Gewohnheiten. Danach ist es wieder – still.

Draussen auf der Davidstraße ist so wenig los, dass ich bequem über zwei Ampelphasen mein Stativ auf der Strasse parken kann ohne angehupt zu werden. Und auch komisch, ich werde nicht alle zwei Meter mit einem:“ Na Kleiner, wart doch mal kurz“, angehalten. Muss an Tanja liegen, oder 😉

Die Friedrichstraße ist so dunkel, dass das Setting schon ein wenig surreal aussieht. Vorbei am ehemaligen Purgatory, wo ich in den 90ern öfter versackt bin, als mir gut tat. Gleich daneben die Meuterei, in der Daniel zwischenzeitlich ein Lager für seine Obdachlosen-Spenden eingerichtet hat, die er jeden Tag im Elbschlosskeller verteilt. 

 Als wir am Albers-Platz, Ecke Gerhardstraße stehen, fährt ein Mercedes mit fetter Hip-Hop-Mucke vorbei. Eine Minute Lärm, dann liegt die Gerhardstraße wieder da in schräger Stille und Dunkelheit. Nur der Eingang des Albers-Eck leuchtet noch schön bunt und mir fällt ein, dass ich mich früher auch öfter hier auf der Ecke herumtrieb. Im Komet, EDK, Tele5, später in der Cobra Bar und im King Calavera. Ersterer ist um’s Eck gezogen, der Rest Geschichte. Ein Gedanke schleicht sich ein: Ich muss endlich mal ins Hausverbot, mich von Alban vollnöhlen lassen. Wenn wir in bewegteren Zeiten nachts auf der Ecke sind, dann eigentlich nur, weil meine Frau auf dem Nachhauseweg immer Hunger bekommt, und es wird gerne eine Minipizza beim Alt Hamburg. Der hat sogar geöffnet, Menschen sind trotzdem keine da.

 Weiter durch die Querstrasse, am Silbersack vorbei, Richtung Große Freiheit. Da ist es normalerweise jetzt so voll, dass ich Platzangst bekomme. Tatsächlich müssen wir hier kurz warten, aber nur aus Höflichkeit, da ein junges Paar an einer Langzeitbelichtung arbeitet. Drei Minuten später gehört die Freiheit uns wieder alleine. Und das für die nächsten 30 Minuten. Ausser dem freundlich lächelnden älteren Pfandsammler mit genau einer Pfandflasche in seinem Einkaufswagen, den er in aller Seelenruhe die Strasse runter schiebt. Vor Olivias Läden, wo jetzt normalerweise ihre Family in quietschbunten Glitzerköstümen stünde, weht eine Plastiktüte vorbei. Perfekte Kulisse für eine weitere Walking Dead Staffel. 

 Aus der Grossen Freiheit 36 dringt plötzlich dumpfe Musik. Clubstream nennt sich das heute. Man muss ja das Beste draus machen. Da fällt mir ein, dass ich zu meiner Abizeit, 1990 am Wirtschaftsgymnasium St. Pauli, hier sehr viel Zeit verbracht habe.

 An der Talstraße vorbei zum Hamburger Berg. Das Aussenlicht am Sorgenbrecher brennt und für den Bruchteil einer Sekunde denke ich, Yassi könnte vielleicht geöffnet haben. Erinnerungen werden wach. 95 bin ich in die Hein-Hoyer-Straße gezogen und der Sorgenbrecher war unsere erste Stammkneipe. Überhaupt ist der Hamburger Berg von den reeperbahnnahen Party-Ecken mir die Liebste. Im Rosch, von dem ich bald die halbe Belegschaft fotografiert habe, hatte ich schon sehr lustige Abende. Genau wie im Tempelhof – jetzt Head Crash, Rosis, Lunacy, … und wieder, ich hoffe, ihr haltet alle durch!

Langsam schlendern wir zurück über die fast leere Reeperbahn. Gleich ist es ein Uhr und die Menschen auf der Meile kann ich an meinen Händen abzählen. Das Klubhaus, das jetzt den Spielbudenplatz erhellen sollte, glänzt durch Schwärze. Vor über einem Jahr haben wir dort im damaligen kukuun unsere Hochzeit gefeiert und im Oktober stellte ich hier die erste Etappe von Faces of St. Pauli vor.

 Wir kehren jetzt zurück nach Hause und ich ehrlich gesagt froh, nicht alleine zu sein.Das war jetzt nur ein Zug durch die Party-Ecken. Es gibt ja noch die Cafés, Geschäfte, Restaurants und die ganzen Läden, die etwas reeperbahnferner sind, so wie die Tortuga Bar, der Otzentreff, der Nachthafen, etc. Und wie den Rest der Welt, nimmt die Krise uns alle schwer mit. Vielleicht ist St. Pauli durch seine vielen Kultur- und Gaststätten noch stärker betroffen. Aber ich finde es großartig, wie wir hier in vielen Dingen zusammenhalten. Mach weiter so, mein geliebtes St. Pauli. Das Leben nach der Pandemie wird sich verändern. Lasst uns gemeinsam versuchen, es in eine möglichst positive Richtung zu drehen.